Montag, 19. Mai 2008

La Ciudad Perdida - Die verlorene Stadt

Kommen gerade von einem Abenteuer zurück. Sechs Tage Dschungelexpedition: In Hängematten schlafen, über dem Feuer kochen, in Naturpools schwimmen, Zusammenwachsen, die Ruinen einer alten Kultur entdecken.

Nachdem wir eine Nacht in Santa Marta verbrachten entschieden wir uns für diese Tour, die uns nach drei Tagen Dschungel zur Ciudad Perdida - Die Verlorene Stadt - führen sollte und wieder zurück.

Allzu gut fing es nicht an. Unsere Gruppe bestand aus 16 Personen und es wurde ausschlieslich Englisch gesprochen. Viele waren von Kopf bis Fus mit Markenkleidung ausgerüstet und knapp ein Drittel schien aus den USA zu kommen, was ja schlieslich nichts Schlimmes ist. Doch das, was auf die USA schliesen lässt, die "typische" Art, ist halt eben weniger zu Gesprächen einladend. Viele negativen Klischees und Vorurteile, die man so gegen andere Reisende hegt, wurden in unserer Gruppe also erfüllt.

Bei der 4,5-stündigen Fahrt in einer chiva (Laster mit umgebaueter Ladefläche, bunt und mit Holzsitzbänken), die laut Tourbüro eigentlich 2 dauern sollte, fing das Abenteuer auch schon an. Die Strase, wenn man das so nennen kann - und wir kennen inzwischen Bolivienstandards - war so übelst dass ich drei Mal davon überzeugt war, dass wir umkippen würden (wieder einmal krallte ich mich mit panischem Blick an meinem Nebenmann fest...). Extreme, physikalisch inkorrekte Schräglage halt. Kolumbien. Angekommen gab es, bei starker Militärpräsenz, ersteinmal Mittagessen. Wir sasen mit Sandwiches in Plastikstühlen, schwitzten und fragten uns, wie man in dieser verdammten Hitze auch nur einen Kilometer laufen könne (Lecker!!!).

Es ging los. An vielen Soldaten vorbei, die proportional zum Fortschreiten des Weges jünger wurden. So als sei eine Stationierung in dieser Region, je weiter man sich vom Dschungel weg und in die Zivilisation hinein bewegt, höher Privilegierten, also Älteren, vorbehalten. Nach einer halben Stunde gelangen wir auch schon an den ersten Naturpool. Das Wasser hatte sich ein tiefes, natürliches Becken in den Fels gewaschen, in dem wir uns nun abkühlten. Nina blieb diese kurze Frische jedoch vergönnt, da sie etwas kränkelte. Wir hatten in der vorrangehenden Nacht eine Klimaanlage im Zimmer, die wir (natürlich) auf voll Suppe stellten. Ein frisches Stück Ananas tat aber auch ihr gut.

Es ging ein paar Mal über Bäche und schlieslich steil, sehr steil, hinauf. In kanallender Hitze, ohne Schatten und umgeben von aufgeheiztem Salz- und Kalkgestein zog sich dieser Part über 1,5 Stunden hinweg, wobei man das Gefühl hatte, fünf Minuten seien das Dreifache.

Doch irgendwann kommt man, komplett durchnässt, wirklich komplett durchnässt, oben an. Man fragt mich, ob ich in einen der Bäche gefallen sei, da ich nicht nur den Schweis aus meinem Hemd wringe, sondern auch aus meiner Hose. Es geht noch ein paar Mal an Soldatencamps vorbei und, in einem stiefen Tal, an einem paradiesischem Bach, erreichen wir die Bleibe für die erste Nacht. Die Hängematten werden bereitet, die Töpfe auf's Feuer gestellt und man begibt sich zu einer Stelle, die drei Minuten entfernt liegt und die man piscina (Pool) nennt. Der Bach fällt als Wasserfall in ein ca. fünf Meter unterhalb gelegenes Schwimmbecken. Man springt und holt sich die spasige Erfrischung (haha! Ja, war herrlich kühl - und gar nicht so viele Moskitos wie ich gedacht habe). Zecken und Blutegel gab es auch nur vereinzelt.

Des Abends stellt sich heraus, dass unsere Gruppe doch nicht so übel ist. Es entstehen einige interessante Gespräche. Es bilden sich schnell zwei Gruppen, die aus Leuten bestehen, die sich gegenseitig besonders leiden können. Mit dem Rest ist es dann so, dass man weis dass man nie die besten Freunde wird, doch man versteht sich auf einer höflichen Ebene mit Abstand, der im Notfall, wenn es drauf ankommt, überwunden wird. Der Schlaf in der Hängematte und in muffigen Decken kann man wohl nicht als wirklich erholsam bezeichnen.

Morgens, während wir unseren Feuerkaffee genossen (yeah! Wie im Mittelalter haben unsre fürsorglichen Träger alles über einem Kohlefeuer zubereitet), besichtigte fast die komplette Gruppe, für bescheidene 20.000 Peso (ca. 7 Euro), ein kleines Kokainlabor. Abzocke und auserdem kannten wir schon zu Genüge den Prozess. An diesem Tag trauerten die campesinos dieser Region, da ihr langjähriger Drogenboss, el Patrón, in die USA ausgeflogen wurde, um dort seine Strafe abzusitzen.
Der nächste Tagesmarsch führt uns durch ein Indígena-Dorf. Runde Lehmhütten, traditionelle Kleidung, grose Zeremonieenhütte, Feuerstellen. Ninas Klischees, die sie durch etliche Steinzeitromane aufbaute, erfüllen sich in diesen Gemeinschaften (Wirklich! Die machen Sachen da....). Unser Guide, Wilson, fragt um Fotoerlaubnis, die auch erteilt wird, auch wenn schon vorher einige Fotos geschossen haben, obwohl man ihnen sagte, dass man erst um Erlaubnis fragen soll. Eine Familie wird zum Lustobjekt wenn sie von ca. fünf Leuten ca. 30 mal fotografiert wird; aus nächster Nähe und aus jedem Winkel. Danach gibt es Bonbons für die unfreiwilligen Models. Ein Eintrag auf ihren Blogs namens "Kulturzoo", denke ich. Danach wird behauptet einen besonders guten Draht zu diesen "indios" zu haben. Man legt in jeder möglichen Hinsicht seine Werte auf diese Kultur und hat unzählige Verbesserungsvorschläge und Übertreibungen, die in den reiserischen Geschichten daheim sehr gut ihren Platz finden werden. Ich versuchte vorsichtig klarzumachen, dass man mit solch einem Verhalten kein Weltverbesserer ist, sogar sehr respektlos; vergeblich. Erst viel später erfuhr ich, dass die vermeintlichen Amerikaner Australier waren und ein Klischee drehte sich in meinem Kopf. Man lernt nie aus huffhuffhuff!

Abends gab es dann wiedereinmal paradiesische Badestellen, in die man seinen schweisüberströmten Körper aus ca. 4 Metern Höhe stürtzen konnte, und auch tat, hehe. Direkt mit Schweisklamotten rein, so spart man sich das Waschen, und vom Nässegrad her macht es keinen Unterschied mehr. Ich muss sagen, dass sich die ein oder andere Markenkleidung doch als sinnvoll erwies. Ich war z.B. sehr froh, dass ich mein Hemd, aus meinem Rucksack in Bogotá, wieder hatte. Man schwitze schlieslich den ganzen Tag und am nächsten Morgen ist alles wegen der hohen Luftfeuchtigkeit noch nasser. Doch mein Hemd lies mich nicht im Stich. Schnell trocknete es um weiteren Schweis zu transportieren (Ohne die feinen Klamotten sah ich aus wie ein Tropendoktor - im hellen Inti Wara Yassi Hemd und grüner fetzigen Schiffbrüchigenhose - aber ich hatte auch keine derartigen Schweisswasserfälle an mir herablaufen). Naja, "schiffsbrüchig" trifft dann doch schon besser als "Tropendoktor". Man sollte auch noch die riesige Insektentschibosonnenbrille und das Turihütschen erwähnen. Bilder zur allgemeinen Belustigung folgen.

Kaffee über'm Feuer, viele lustige Gespräche mit neuen Freunden und vor allem laange, interessante Stories von Wilson, der, seit er 15 ist, ständig um die Ciudad Perdida arbeitet. Da erfuhr man Geschichten von Grabräubern, Drogenbaronen, Entführungen durch Indigenenstämme, Militärs und offene Kriege zwischen jeder Gruppe. Jede Geschichte nicht viel älter als fünf Jahre und einige erst 15 Tage alt. Nicht zuletzt eine kleinen Schaudergeschichte über die Entführung von acht Touristen durch die ELN - Guerilla, die sich im Programm sehr mit dem der FARC deckt, sodass ein starkes Bündnis zwischen den beiden Gruppen herrscht. Das war vor fünf Jahren und erklärt die heutige hohe Militärpräsenz in der Region. Wilson spielt bei all diesen Geschichten eine Rolle. Hier war in den letzten Jahren ganz schön was los. Heute gilt das Gebiet als ziemlich sicher.

Der dritte Tag, so dachten wir, sollte der Härteste sein. Steil bergauf, durch Indigenensiedlungen, über Bergrücken, ganze neun Mal durch Flüsse, sodass wir uns schnell dazu entschieden, nicht jedes Mal die Schuhe an- und aus- und wieder anzuziehen. Mittagessen bei einer weiteren Badestelle mit Wasserfall und dann tausende Stufen hinauf zur verlorenen Stadt. Oben begrüsen uns ein paar Soldaten, die schon seit Monaten hier sitzen und sich zu Tode langweilen. Keiner scheint über 17 zu sein. Der nervige Teil unserer Gruppe lässt sich eine Fotosession nicht entgehen. Man läuft drei Tage durch den Dschungel, kommt bei der Verlorenen Stadt an und das erste, was man möchte, ist ein Foto von sich mit einer Waffe. Herr Jöbkes hatte ja so Recht als er sagte, dass man wohl immer Leute um sich haben wird, die man nicht ausstehen kann, nur dass man nun besser damit umgeht. So kamen wir fast alleine auf der Hauptplattform der Stadt an und genossen die grandiose Aussicht.

Am nächsten Tag sahen wir uns die Stadt an. Wilson packte noch ein paar von seinen Stories aus und erklärte uns, wo noch heute Gold unter der Erde liegt. Die Stadt besteht im Wesentlichen aus runden Steinfundamenten, unter denen wichtige Mitglieder dieser versunkenen Kultur begraben liegen. Man pflanzte Taguapalmen, die man heute von weitem sieht. Die Ausgrabungen stoppten bis heute auf Wunsch der Indigenen der Region. Sie zelebrieren Riten an diesem für sie heiligen Ort.


Abends vertieften wir unsere Fähigkeiten in Schwachsinnsspielen bei Kerzenschein, und wanderten am fünften Tag die Strecke zurück, die wir am zweiten und dritten Tag in zwei Etappen überwältigten. Das hat ganz schön reingehauen. Wir fanden eine kleine, hochgiftige und agressive Schlange, die sofort getötet wurde. Beim Mittagessen schaute ich dem Schauspiel dreier Kolibris in einem Baum vor mir zu, bis ich nach ca. fünf Minuten eine riesige Schlange bemerkte, die in eben diesem Baum, ca. zwei Meter von mir, im Geäst sas. An wievielen Tieren muss ich in all den Tagen vorbeigetrampelt sein, ohne sie zu bemerken? Ich wurde jedoch nicht müde dem Konzert der Dschungelvögel zu lauschen, das sehr oft nicht so klang als stamme es von Vögeln. Wir sahen auch riesige Kröten, die die Indianer einst für ihre Giftpfeile verwendeten. Jetzt werden sie nur noch geschleckt. Es gab regelmäsig Pausen, zu denen frische Früchte serviert wurden. Diese wurden, wie auch die anderen Lebenmittel, zuerst von Mulis dann von unserem Koch und einem Träger, in 60-kg schweren Säcken getragen. Und das doppelt so schnell wie wir wanderten.

Nach diesem fünften Tag hielten wir alle bis neun Uhr abends durch und fielen dann halbtot in die Hängematten. Ich atmete den Dunst und die Partikel meiner stinkenden Decke und wachte mit Fieber auf.

Der letzte Tag war der für mich Unangenehmste. Die Schritte wurden immer kleiner, das Fieber höher. Irgendwann war es aber geschafft und ich konnte mich nicht gebührend von unseren Expeditionsgefährten verabschieden. D.h. nicht durch Gespräche oder so, ich konnte schon noch "Tschüss" sagen.

Wir kamen hier, in Taganga, an und fragten im einzig bekannten Hostal nach einem Zimmer. Wir erwarteten sehr wenig, da es eben das Einzige ist, was im Lonely Planet steht. Kein Zimmer frei, aber ein Apartment. Man bat es uns für den gleichen Preis eines normalen Zimmers an. So konnte ich mich heute in einem Zimmer auskurrieren, in dem wir eine Küche, Kühlschrank und Badezimmer haben. Dazu Hängematte, Kaffee und Karibikausblick. Manchmal tut es so gut, wenn es einem scheise geht. Herrlisch!



@ Janos, ja stimmt, das Verhalten ist nachvollziehbar. Das macht aus einem Arschloch aber noch lange keinen Nichtarschloch. Für diese Tage gab es ein paar zu viele Arschlöcher. Ich dachte dann, dass ich nach Europa will, wo man zwar auch unfreundlich ist, wo es auch einen ganzen haufen Arschlöcher gibt, wo man aber wenigstens die Klappe hält und sich durch unfreundliche Kälte und Distanz gegenseitig bearschlocht (wie gesagt, ein paar sehr negative Tage). Doch was mir fehlte war so ziemlich das Gegenteil. Nämlich keine europäische Stadt sondern sechs Tage ohne jeglichen Luxus, mit Leuten, die ich mag, und mit Leuten, die ich nicht mag, durch den Dschungel zu krachseln. Jetzt geht es mir wieder gut : )
Die Stimmung schlägt aber schnell wieder um, wenn sich wieder jemand penetrant an deine Fersen heftet, und dir was abschwatzen oder andrehen möchte...

@ hey hey Pascal, ja ich denke, dass du einer der wenigen Personen bist, die es sehr gut, sehr gut nachvollziehen können. Obwohl du ja jetzt nicht so eine Gringoleuchte bist wie wir. Hat man dich denn auch so oft und penetrant als Ausländer erkannt? Ich erinnere mich daran, dass mir Christiane vor unserer Reise erzählt hat, wie ätzend sie manche Bettler in Quito findet. Ich war geschockt. Jetzt verstehe ich, was sie meinte. Ich denke, dass man das mal erlebt haben muss, um so eine Aussage nicht in den falschen Hals zu bekommen. Deshalb werde ich mich auch in Zukunft hüten so etwas öffentlich zu sagen. Ganz einfach weil es sehr schnell anders klingt als es gemeint ist.
Ja, ja, das Gedächtnis:

13.06.2008


Freut mich aber, dass du fragst, im Ernst. Überhaupt cool, dass ihr nochmal Kommentare hinterlassen habt. Tut gut.


@ Elza, ja, ich freue mich jetzt wieder über die (netten) Colombianer.
Was soll den heisen "vorher"? Mann!
Hehe, das hast du bestimmt geträumt.
Du hast keine Ahnung was das parapente in Mérida oder Venezuela generell so kostet? Vor allem Kurse?
Ich fühle mit dir. Hab mir gestern den Finger am Feuzeug verbrannt, als wir eine Zecke ins Fegefeuer befördern wollten, die wir vorher Ninas Schulter entrissen. Dann haben wir NICHTS gefunden, womit man hätte kühlen können. Selbst das kalte Wasser aus dem Hahn ist lauwarm hier. Da fiel uns ein: Wir haben ja einen Kühlschrank im Zimmer. Ja, das war diese Geschichte. Ich hoffe, deiner Hand geht es inzwischen besser.


So, hab Hunger. Bald gibt es wieder Bilder....vielleicht schon morgen...oder heute.
Onk
und neyna in Grün

1 Kommentare:

OriBori hat gesagt…

So, habe mir diesen Beitrag jetzt doch mal ganz durchgelesen. Und jetzt komm ich auch schon direkt wieder mit meiner überängstlichen Art: hat man keine Angst fünf Meter tief in ein Gewässer zu springen, dass man gar nicht kennt? Ich meine, da unten kann einen doch quasi alles erwarten, oder? Ich bin wahrscheinlich erziehungsgeschädigt, aber meine Eltern haben mir in mein Hirn eingehämmert, niemals in ein unbekanntes Gewässer zu springen...
Auf den rasanten Fahrstil hätte ich allerdings gerne mal Lust, wüsste echt mal zu gerne, wie es sich anfühlt, fast umzukippen. Obwohl man darauf wahrscheinlich auch gut verzichten kann, wenn man sich durchliest, wie du das dabei aufkommende Gefühl beschreibst. Dein armer Nebenmann, hast du keine Prügel bezogen?
Oh Mann, der 13. 06. ist ja schon sehr bald :(
Das tut mir echt Leid für Euch, obwohl ich mich auch echt freue, euch dann endlich noch mal in life und Farbe zu sehen.
Hier hat sich jedenfalls nichts großartiges Verändert, obwohl ich irgendwie in letzter Zeit immer häufiger das Gefühl habe, dass immer mehr Leute hier abdrehen
und sich plötzlich sehr viele extremst braun-eingestellte Wesen um einen befinden, die komische Bewegungen Gründen und seltsamme Flyer verteilen. Naja, kann natürlich aber auch sein, dass ich das vorher nie so wirklich mitbekommen habe. Aber früher hatte ich immer das Gefühl, dass es da vereinzelt mal ein paar Leute gab, die sowas ja ach so toll fanden. Ich kann dazu nur sagen, das mir das ganz und gar nicht passt!